«Die Concordia wird sich ein wenig verändern»

Porträt Stéphane Delley
Stéphane Delley hat die Leitung der Concordia Freiburg übernommen.
Seit Jahresbeginn ist er das neue Gesicht der Concordia Freiburg. Im Interview spricht Stéphane Delley über seine Ziele und seine Sicht auf die Welt der Blasmusik.

Stéphane Delley, können Sie sich in ein paar Worten vorstellen?

Ich bin in Delley in der Freiburger Broye aufgewachsen. Meine musikalische Laufbahn begann mit einer Trompete. Später besuchte ich die Dirigierkurse des Freiburger Kantonal Musikverbands, bevor ich in die Profi-Klasse von Jean-Claude Kolly am Konservatorium Freiburg eintrat. Zuerst leitete ich La Harpe Domdidier, ein Ensemble, das es nicht mehr gibt. Schliesslich machte ich einen Abstecher ins Waadtland und leitete L’Avenir de Payerne und die B-Formation der Brass Band Freiburg sowie die Harmonie Sion. Zurzeit leite ich die Musikgesellschaft von Treyvaux (FR).

Stéphane Delley beim Dirigieren vor der Harmonie Sion Foto: Harmonie de Sion
Stéphane Delley leitete unter anderem die Harmonie Sion.

An der Spitze der Concordia Freiburg landet man aber unabhängig vom persönlichen Hintergrund nicht wie durch ein Wunder?

Nein, natürlich nicht. Ich bewarb mich auf die Ausschreibung. Mehrere Kandidaten wurden zu einem Gespräch mit einer Ad-hoc-Kommission eingeladen. Drei wurden ausgewählt und zu einer Probe eingeladen. Die Wahl erfolgte dann durch Abstimmung an der Generalversammlung.

Sie haben in der Concordia gespielt, waren dort stellvertretender Dirigent und Schüler von Jean-Claude Kolly. Wollte die Concordia ihre Kontinuität wahren oder muss sie mit einem, ihr unbekannten Stéphane Delley rechnen?

Ausgezeichnete Frage [lacht]! Es lässt sich nicht ausschliessen, dass meine Verbindungen zur Concordia für mich gesprochen haben. Aber wie dem auch sei, ich kann meine Ausbildung nicht verleugnen. Jean-Claude Kolly war mein Lehrer, mein Mentor, und ist logischerweise immer noch eine Inspirationsquelle. Aber inzwischen haben wir immerhin seit mehr als zwölf Jahren nicht mehr direkt miteinander gearbeitet. Ich habe meine Erfahrungen gesammelt und mich weiterentwickelt. Also ja, die Concordia wird sich ein wenig verändern.

Und wie vor allem?

Unsere Arbeitsweise, der musikalische Ansatz und die Sprache werden sich ändern. Doch der grösste Unterschied betrifft den Gesamtklang. Jean-Claude schätzt den sehr kompakten Klangteppich, während ich einen schärferen Klang mit sehr klar erkennbaren Klangfarben vorziehe. Das ist dem Stil ziemlich nahe, den amerikanische Harmonien entwickeln.

Aber vielleicht lohnt es sich, die Empfehlungen von Jean-Claude Kolly weiterhin «griffbereit» zu behalten …

Es wäre unsinnig, darauf zu verzichten.

Werden Sie Ihre Arbeitszeiten und Ihre verschiedenen Aktivitäten neu organisieren?

In diesem Jahr standen die Sterne günstig. Kurz nach meiner Ernennung schuf das Konservatorium Freiburg eine Stelle als Dekan eines Musikkultur-Dekanats, die ich übernehmen konnte. Ich möchte diesen Studiengang für die Förderung der Komposition nutzen. Viele junge Talente verdienen das Angebot einer ihnen würdigen Plattform. Ich habe die Harmonie de Sion und meine Stelle am Kollegium aufgegeben und werde die Concordia, die Musikgesellschaft Treyvaux, die Dirigierkurse am Konservatorium und diese neue Funktion behalten.

Stéphane Delley beim Dirigieren vor der Musikgesellschaft Treyvaux. Foto: Nathalie Gobet-Vial
Neben der Concordia wird der Freiburger Dirigent weiterhin die Musikgesellschaft Treyvaux leiten.

Kommen wir noch einmal zur Concordia. Werden Sie auch einen Direktionsassistenten haben?

Ja. Es ist ein Ausbildungskonzept, das sich bewährt hat und das wir beibehalten werden.

Was sind Ihre kurz-, mittel- und langfristigen Ziele? Ich nehme an, der erste Termin wird das Jahreskonzert im Februar sein?

Nein, der erste wichtige Termin ist das Kantonalfest im Mai. Mit einem Frühlingskonzert im April.

Es überrascht ein wenig, dass eine Höchstklasse-Formation auf ihr Jahreskonzert verzichtet …

Ja, ich verstehe. Aber anfangs Dezember fanden die Abschiedskonzerte von Jean-Claude Kolly statt, und anfangs Februar gibt die Concordia ihr Jahreskonzert. Mit der Pause, die alle über die Weihnachtsfeiertage einlegen, wäre uns für die Vorbereitung dieses Konzerts kaum ein Monat geblieben, kurz bevor wir die beiden Stücke für das Kantonale in Angriff genommen hätten. Das wäre unrealistisch gewesen, und mit musikalischer Qualität und einem gesunden Betrieb unvereinbar.

Wie dem auch sei, es bleibt wenig Zeit, sich anzupassen, da neben dem Kantonalen 2025 im Jahr 2026 auch das Eidgenössische stattfinden wird. Lässt das pure Motivation aufkommen oder zusätzlichen Druck?

Einen gewissen Druck kann ich nicht leugnen. Das Kantonalfest ist ein wichtiger Termin, und die Concordia will es gewinnen. Doch mit einem Ziel dieser Grösse zu beginnen, ist insofern stimulierend, als eine Übergangszeit entfällt. Wir werden ohne zu zögern und ohne uns viele unnötige Fragen zu stellen von einer Ära zur nächsten übergehen müssen.

Sie kennen die Concordia gut. Wo liegen ihre Stärken, und wo liesse sich noch ein wenig feilen?

Die grössten Stärken der Concordia sind ihre Arbeitskraft und die Qualität ihrer Instrumentalisten, aufgeklärte Amateure und dazu fast in jedem Register Profis. Doch wir werden die Chemie zwischen dem Orchester und dem Dirigenten abstimmen müssen. Zudem werden wir den sozialen Aspekt pflegen müssen, indem wir Veranstaltungen wie Reisen oder Konzerte organisieren, um unsere Beziehungen noch weiter zu vertiefen. Schliesslich müssen wir unseren Bekanntheitsgrad erhöhen, vielleicht durch Kammerensembles, die an verschiedenen Anlässen spielen, aber immer unter der Schirmherrschaft der Concordia.

Welche Eigenschaften zeichnen Ihrer Meinung nach ganz allgemein eine ausgezeichnete Harmonie aus?

Drei Dinge: Klang, Flexibilität und Reaktionsfähigkeit. Grosse Orchester tun sich manchmal schwer, «auf Knopfdruck» zu reagieren. Die besten sind in der Lage, alles zu spielen.

Wie wichtig ist für Sie die Auswahl des Repertoires? Spielt sie eine entscheidende Rolle, um Laien und Nachwuchskräfte anzusprechen, oder muss sie elitär sein, wenn man auf diesem Niveau spielt?

Nun ja … alles ist wichtig [lacht]. Natürlich kann man nicht nur Symphonien spielen. Am wichtigsten sind aus meiner Sicht die Qualität des Spiels und des Repertoires, mit einer kleinen Einschränkung bei letzterem. Ich habe den Eindruck, dass die heutige Software manchmal Komponisten davon abhält, wirklich nach der Quintessenz der Orchestrierung zu suchen. Nichts hindert uns jedoch daran, das Repertoire für eine Aufführung je nach Publikum oder Umständen auszuwählen, da es in allen Genres qualitativ hochwertige Musik gibt. Ausserdem ist mir der Zusammenhang eines Programms wichtig. Ich finde auch, dass wir die Dauer unserer Konzerte begrenzen sollten. Es gibt nichts Übleres, als von Konzertbesuchern zu hören: «Es war gut, aber zu lang».

Sie sind Mitglied der Musikkommission des SBV. Wie beurteilen Sie die Schweizer Blasmusikbewegung?

Qualitativ ist sie wunderbar in Form. In allen Kategorien. Aber – und das ist ein gleichbleibender Einwand – wir müssen uns um den Nachwuchs kümmern. Vielleicht muss sich die Musikkommission vermehrt mit dem Thema befassen und der Jugend eine Plattform, eine Perspektive bieten. Eventuell auch über aVENTura.

Porträt Stéphane Delley
Stéphane Delley, Mitglied der SBV-Musikkommission, sagt, dass die Schweizer Blasmusikszene wunderbar in Form sei.

Ein letztes Wort an unsere Leserinnen und Leser?

Bleiben Sie der Musik und Ihren Instrumenten treu.

Stellen Sie sich vor, sie wären …

… ein berühmter Dirigent …

Carlos Kleiber, eine Inspirationsquelle für die «richtige Geste».

… ein Werk …

Die nächste Uraufführung, die ich dirigieren darf.

… eine Epoche der Musikgeschichte …

Das 20. Jahrhundert.

Zum Artikel über Jean-Claude Kolly

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