Dirigieren – mit oder ohne Taktstock?

Boris Oppliger beim Dirigieren mit Taktstock

Beitragsbild: Roger Stöckli

Ist der Taktstock ein Werkzeug oder ein Musikinstrument? Ein «Zauberstab» oder ein Machtsymbol? Es gibt Berühmtheiten, die bewusst auf ihn verzichten, für andere wäre dies ein Ding der Unmöglichkeit. Faszinierend sind die Berührungspunkte von handwerklichen und philosophischen Fragen.

Wenn man den Taktstock als Verlängerung der Hand betrachtet, muss dieser zur Person passen. Da spielen Faktoren wie Länge, Gewicht, Schwerpunkt und Material eine Rolle. Wahrscheinlich geht es uns Dirigierenden ähnlich wie einer Musikerin, die ein Instrument auswählt: «Das liegt gut in der Hand», oder «mit ihm fühle ich mich als Einheit». Preis und Beschaffenheit spielen unter diesem Gesichtspunkt keine Rolle; ein Orchester klingt nicht anders, nur weil der Taktstock aus billiger Glasfiber besteht oder aus teurem Edelholz geschnitzt ist.

Luca Belz beim Dirigieren mit Taktstock Foto: Roger Stöckli

Das Werkzeug

Im Barock benutzten die Kapellmeister Zeremonienstäbe und schlugen den Takt auf den Boden. Vor dem frühen 19. Jahrhundert wurden die Einsätze vom ersten Pult aus mit dem Geigenbogen gegeben. Um die Orchester präziser und differenzierter anzuleiten, wurden ab ca. 1820 Taktstöcke benutzt. Seither hat sich das Dirigieren zum Spezialistentum hin entwickelt und der Taktstock ist nicht mehr ein «Schlag»-Instrument, sondern ein mitunter fast chirurgisches Werkzeug, da die Dirigierenden mittels der Stockspitze den Impuls der Musik für das Orchester übersetzen und die in der Partitur «gefrorene» musikalische Zeit in lebendige Zeit verwandeln können.

Ist ein grosser Orchesterapparat zu leiten, sind die Distanzen gross: Mit dem Dirigierstab wird die Schlagfigur optisch deutlicher. Auch wirkt er als Verstärker, da der Ausschlag grösser wird. Zudem sorgt der Kontrast zwischen Schlaghand und linker Hand bei den Ausführenden für mehr Aufmerksamkeit.

Das Musikinstrument

Es werden nicht nur Arme und Hände zum Dirigieren benutzt, sondern auch Bein- und Körperbewegungen, die Haltung sowie die Augen und die Mimik eingesetzt. Zusammen mit der von der Dirigentin ausgestrahlten Energie und ihrem Charisma ergibt dies den Klang, den aber nicht sie selbst, sondern die Musizierenden hervorbringen. Somit wäre nicht der Taktstock, sondern der Körper des Dirigenten das Instrument!

Dirigent beim Dirigieren mit Taktstock Foto: Roger Stöckli

Der «Zauberstab»

Hin und wieder ist die Rede von den «magischen Händen» des Dirigenten oder vom «Klangzauber», den er entfacht … Anscheinend kann es beschrieben, aber nicht begründet werden, wenn ein Konzert phänomenal ist und die Zuhörenden begeistert und ergriffen sind.

Kann eine Dirigentin im Konzert die Rolle eines Katalysators in einem tiefenpsychologischen Prozess innehaben, oder gelingt es ihr, kraft ihrer Energie oder auch eines äusseren Umstands etwas «Zusätzliches» zu übertragen? Etwas, das wir dann «magisch» nennen?

«Der Taktstock hat überhaupt nichts Magisches. Die Magie ist im Herzen oder im ganzen menschlichen Wesen.»

Vladimir Ashkenazy

Das Machtsymbol

Es gab diesen Typus von «Pult-Titanen», die oft als Halbgötter angesehen wurden, ihre Taktstöcke wie eine Waffe hielten und diese an der Probe auch aus Wut zerbrachen oder in Richtung der Musiker schmissen.
In abgemilderter Form wird heute vielleicht noch abgeklopft, was kein Orchester mag. Aber ein Dirigent, der heutzutage als Macho auftritt, hat verloren: Es geht um Zusammenarbeit und Motivation, nicht um diktatorische Anleitungen.

Trotzdem kann der Taktstock als Hindernis zwischen Musikerinnen und Dirigent angesehen werden, da er symbolhaft für Autorität und für Entscheidungsgewalt steht.

Robin Bartholini beim Dirigieren ohne Taktstock Foto: Roger Stöckli

Der Verzicht

Das Dirigat ohne Taktstock kann somit für mehr Nähe zum Orchester sorgen. Die Hand ist in den Augen vieler ausdrucksvoller als der Stock. A-cappella-Stücke, Kammerensembles oder besonders emotionale langsame Sätze werden oft ohne Taktstock dirigiert. Allerdings kann der Augenblick, in dem der Stab niedergelegt wird, gekünstelt und manieriert wirken.

Vielleicht sollte man sich auch nicht zu viele Gedanken zum Thema «mit oder ohne» machen. Das Dirigieren ohne Stock kann eine zusätzliche Ausdrucksebene eröffnen, aber schlussendlich hängt die Musikvermittlung von der Person, vom Menschen ab.

Mit Sicherheit ein eindeutiger Vorteil des Dirigierens mit den Händen ist die Vermeidung von Eigenverletzungen durch einen splitternden Glasfiberstab oder die Schonung nahe sitzender Orchestermitglieder oder Solisten, die hin und wieder schmerzliche Bekanntschaft mit einer Taktstockspitze gemacht haben …

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