Durch Zufall zum zweiten Standbein

Porträt Valeriya Bernikova

Beitragsbild: zVg

Valeriya Bernikova absolvierte eine Musik-Fachhochschule in der Ukraine und belegte, wie dort für alle Bläserinnen und Bläser üblich, Dirigieren im Nebenfach. Für ihr Masterstudium im Fach Saxophon an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zog sie in die Schweiz.

Dort kam sie durch Zufall zum Dirigieren, als sie für einen Kollegen spontan die Stellvertretung in einer Jugendmusik übernahm.

Learning by Doing

Aus der Stellvertretung erwuchs eine Anstellung, und was sie bei dieser Dirigiertätigkeit bei einer Jugendmusik über die speziellen Schweizer Gegebenheiten bezüglich Kultur und Dialekt lernte, war prägend. Die Leidenschaft für das Dirigieren hatte sie nun gepackt und sie bildete sich an der ZHdK im Nebenfach Dirigieren weiter.

Den Master Blasmusikdirektion absolvierte sie an der Hochschule der Künste Bern (HKB), wo ihr das Wissen und die theoretischen Grundlagen vermittelt wurden. Rückblickend stellt die Dirigentin fest, dass ihr dort der Praxisbezug etwas gefehlt habe: Diesbezüglich am meisten gelernt habe sie in Meisterkursen mit Gastdozenten sowie in den Vereinen.

Ihre Rolle im Verein

Für Valeriya Bernikova lässt sich die Vereinsarbeit mit einer Beziehung vergleichen. Es brauche einen permanenten, ehrlichen Austausch, um keine Probleme anstehen zu lassen, und man durchlebe die Hochs und Tiefs gemeinsam, wenn man sich der Vielfalt in einem Verein immer wieder bewusst werde.

Entscheidend ist für sie, dass Konflikte im direkten Gespräch angesprochen werden und dass nicht hinter ihrem Rücken in Chats oder im Mail-Verkehr «diskutiert» wird. Konflikte anzusprechen könne anstrengend und unbequem sein, aber es sei immer zielführend. Mit den wichtigsten Führungspersönlichkeiten wie z. B. dem Präsidenten sollte ein gutes Einvernehmen bestehen und Klarheit über die Vereinsziele herrschen. Aber als musikalische Fachperson müsse sie die Freiheit haben, Entscheidungen bezüglich Arbeitsweise oder Programmierung zu fällen.

Arbeitsweise

Valeriya Bernikova erstellt für die Phase Probenbeginn bis Konzert jeweils eine Timeline, auf der ihre Zwischenziele vermerkt sind. Die Probenvorbereitung behandelt sie flexibel, legt aber stets fest, welche Stücke sie wie lange probt. Das Einspielen versteht sie einerseits als Orchesterschulung (für das Bewusstsein der Intonation leistet ihr das Heft «Function Chorales» von Stephen Melillo gute Dienste), andererseits kann sie dabei den Verein beispielsweise mit Tonarten und Rhythmen aus der zu probenden Literatur vertraut machen.

Sie arbeitet vom Grossen ins Kleine und bereitet ihre Partituren so vor, dass von Beginn an Klarheit über Form, Haupt- und Nebenstimmen, Klanghierarchien und Rhythmen herrscht. Einen Monat vor dem Konzert erstellt sie eine Ton- und Videoaufnahme und lädt je nachdem auch eine Fachperson an eine Probe ein, um für die letzte Arbeitsphase wertvolle Rückmeldungen zu erhalten.

Die Blasmusikszene in der Schweiz

Das Blasmusikwesen wird von Valeriya Bernikova oft als konservativ erlebt. Sie stört sich am mangelnden Zukunftsdenken von Vereinen, welche die Jugendarbeit vernachlässigen. Die Demokratie in den Vereinen könne auch hinderlich sein, wenn es darum gehe, alte Strukturen aufzubrechen und neue Wege zu gehen. Auch stelle sie fest, dass ihre direkte Art beim Ansprechen von Konflikten nicht jedem Verein passe; aber es gäbe durchaus Formationen, die diese wertschätzten …

Allgemein seien die Arbeitsbedingungen aber viel besser geworden, z. B. bezüglich der Entrichtung der BVG-Beiträge. Sie schätzt auch die Rolle und die Aktivitäten des BDV als Interessenvertreter sehr. Allerdings vermisst sie in diversen blasmusikalischen Gremien Personen mit Migrationshintergrund.

Projekte

Mit ihrem Verein, dem MV Kradolf-Schönenberg, hat sie sich am Thurgauer Kantonalen Musiktag vom 17. Mai 2025 für Evolutionen angemeldet, was für sie Neuland bedeutet. Vorher geht am 22. März noch der Event «Musig & Metzgätä» über die Bühne, eine feine Kombination aus Musik und Kulinarik, und am 2. November folgt das Kirchenkonzert.

Porträt Valeriya Bernikova Foto: zVg
Valeriya Bernikova

Persönliches

  • Masterstudium: HKB (R. Schumacher/C. Tuor)
  • Verein: MV Kradolf-Schönenberg (TG)
  • Highlights: Die Gänsehautmomente anlässlich der Aufführung von Melillos «Ahab!» am letzten Kirchenkonzert. Und die öffentliche Verabschiedung nach 10-jähriger Dirigiertätigkeit in Seuzach anlässlich der 1.-August-Feier 2024.

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