Die Interpretation von Juryberichten ist nicht ganz einfach. Aus Zeitgründen notiert die Jury oft nur knappste Hinweise, die dann vom Verein ausgedeutscht werden müssen. Welche Bedeutung haben die Floskeln und Standardsätze in Juryberichten? Wie interpretiert man sie richtig und sind sie überhaupt aussagekräftig? Hier ein Versuch, der Essenz der Juryberichte auf die Spur zu kommen.
Während und nach dem Vortrag steht der Jury nur wenig Zeit zur Verfügung. Daher sind die Notizen auf dem Jurybericht oft Standardsätze, nicht immer eindeutig, schlecht lesbar und oft nur mit dem nötigen Fachwissen verständlich. Als Dirigentin erkläre ich meinen Vereinen nach einem Wettbewerb stets, was die Jury gemeint hat, allenfalls auch gemeint haben könnte. Dabei helfen mir die Notizen in der Partitur, Tonaufnahmen, aber auch meine Kenntnisse und Erfahrungen als Jurorin.
Hier einige Beispiele:
Beispiele
Mögliche Bedeutung
Stimmung und Intonation
| Solid | Die Stimmung war ok, trotzdem gibt es einige Stellen, bei denen die Intonation nicht stimmte. Tipps: Bewusstes Hören in der Probe einbauen, z. B. mit Chorälen oder Band Coaching einspielen. |
| Trübungen im kleinen Blech / hohen Holz | An einigen Stellen stimmten die Trompeten nicht, vielleicht war die 1. Stimme zu laut und die 2./3. zu leise. Oder die Terzen waren nicht richtig ausgestimmt. |
| Individuelle Trübungen | Die «faulen» Töne waren nicht korrigiert, z. B. muss a’ auf der Klarinette nach unten korrigiert werden. Jeder Musikant muss seine Problemtöne kennen und wissen, wie korrigieren. |
Tonkultur
| Harter Klang im kleinen Blech | Obwohl es laut klingt, sind Töne und Akkorde kaum erkennbar. Oft wird mit zu viel Zunge und Druck anstatt mit mehr Luft gespielt. |
Rhythmus und Metrum
| Zusammenspiel präziser oder alle müssen den Puls gemeinsam spüren | Es wird oft nicht zusammengespielt. Tipps: mehr zum Dirigenten schauen / Rhythmus sprechen. |
Foto: zVgAnstelle der Triole wurden 16tel gespielt.
Dynamik und Klangausgleich
| Dynamik in beide Richtungen etwas deutlicher differenzieren oder mehr Unterschiede in der Dynamik, besonders nach unten | An Piano-Stellen leiser und an Forte-Stellen lauter spielen (natürlich nur mit guter Intonation). |
| Konsequenteres Bewusstsein der eigenen Funktion (Melodie, Begleitung, Gegenstimme) oder Klangausgleich ist intransparent oder Balance nicht immer ausgewogen | Betrifft Stellen, an welchen die Melodie nicht hörbar war, weil die Begleitung die Melodie überdeckt, z. B. die Trompeten spielten die Begleitung und die Klarinetten die Melodie. Die Trompeten müssen leiser spielen, damit die Melodie hörbar und der Klang transparent wird. |
| Grosse Trommel dominiert über weite Strecken (Marschmusik) | Oft spielt die grosse Trommel bei der Marschmusik zu laut. Auch die grosse Trommel muss sich der Gesamtlautstärke anpassen und darf kein «Guggenmusig»-Forte spielen. |
Technik und Artikulation
| Bei Läufen mehr Puls | Läufe werden oft zu schnell gespielt! Daher gilt es, den ersten Ton einer 16tel-Gruppe zu betonen. |
| Artikulation teils zu hart (stacc.) | Ein Staccato wird oft zu hart gespielt. Leiser und mit weniger Zungenanstoss spielen. |
| Differenziertere Artikulation | Deutlicher zwischen staccato (leicht, unbetont, leise) und Akzent (Glockenklang, betont) unterscheiden. |
Musikalischer Ausdruck
| Mehr wagen | Den Musikanten bei solistischen Stellen mehr Freiheit lassen. Bei Übergängen mehr Ritardando |
| Mehr Phrasierung / musikalische Linie | Die Musik klingt abgehackt oder ohne Gefühle. Bei den Proben die Bögen und das Ziel definieren und in den Noten eintragen. |
Interpretation
| Könnte man etwas deutlicher gestalten | Sich bei Übergängen Zeit lassen, die Melodie und ihre Phrasierung nach den Vorstellungen der musikalischen Leitung gestalten; es sollen Instrumente abwechselnd führen, um unterschiedliche Klangfarben zu erzeugen etc. |
| Mehr Mut zu den Extremen | Tempo, Dynamik oder der Charakter sind zu vorsichtig gewählt, z. B. mehr Kontraste in der Dynamik (besonders auch ins Piano). |
Diese Liste ist nicht vollständig.
Warum das Jurygespräch oft mehr bringt als der Bericht
Die Berichte werden nach einem Wettspiel von allen Musikantinnen und Musikanten jeweils studiert und gelesen. Um einen Jurybericht richtig zu interpretieren, braucht es Know-how und Erfahrung. Und da frage ich mich immer: Wie machen es unerfahrene Dirigierende? Ist der Jurybericht in diesem Fall das richtige Werkzeug, um die Vereine zur Verbesserung zu motivieren?
Findet nach dem Wettspiel ein Jurygespräch statt, ist dies oft viel aufschlussreicher als der schriftliche Bericht. Wenn die Jurorin aus erster Hand erzählt und dies anhand konkreter Stellen in den Noten erklärt, wird das Feedback viel besser nachvollziehbar. Es wird auf einzelne Stellen eingegangen, die Vereine erhalten Tipps für die weitere Probenarbeit und offene Fragen werden geklärt.
Als Jurorin versuche ich zu Beginn des Jurygesprächs, den Verein emotional möglichst gut abzuholen. Daher frage ich oft, wie der Vortrag gelaufen ist. War es eine Bestleistung oder ging vieles schief? So kann ich angemessen reagieren und den Schwerpunkt des Gesprächs sinnvoll legen. Nur bei einem positiven und wertschätzenden Gespräch kommt das Feedback beim Verein an.
Eine erfreuliche Entwicklung ist, dass an vielen Musiktagen inzwischen Jurygespräche stattfinden. Ehrlicherweise muss jedoch erwähnt werden, dass nicht alle Juroren/Jurorinnen für eine qualitativ überzeugende Gesprächsführung ausgebildet sind. Es ist zu hoffen, dass sich dies in Zukunft verbessert und vielen Musikvereinen nicht nur das Bier, sondern auch das Jurygespräch als positiv, motivierend und bereichernd in Erinnerung bleiben wird.
Wie erlebt der Juror/die Jurorin den Musikwettbewerb?
«Als Jurymitglied muss man sehr schnell arbeiten und entscheiden. Multitasking ist erforderlich: Hören, schauen, Notizen machen, umblättern. Gerade bei Allegrosätzen ist eine Doppelseite in der Partitur sehr schnell vorbei. Folglich bleibt nicht viel Zeit für ausgefeilte Formulierungen. Oft bleibt nur Zeit für einzelne Begriffe oder Abkürzungen: Into, Rh, Zus. Nach dem Vortrag tauschen sich die Jurymitglieder kurz aus, um die Punktzahl abzugleichen. Danach verlässt man den Konzertsaal, geht in das Juryzimmer und schreibt einige Notizen auf das Juryblatt. Meist sind die Arbeitstage an kantonalen und eidgenössischen Festen sehr lang – von 8.30–21.00 Uhr. Am Eidgenössischen Musikfest kann es sein, dass man bis zu 30 Vereine beurteilt», sagt Hans-Peter Blaser.
Als Juror/Jurorin muss man immer gut hinhören, um die Nuancen und Unterschiede zwischen den Vereinen zu erkennen und im Gedächtnis zu speichern. Das braucht Konzentration und Energie. Die grösste Herausforderung besteht darin, sich stets in Erinnerung rufen, wie die Vereine gespielt haben, damit eine faire Rangliste entsteht.
Fazit
Ob schriftlicher Bericht oder persönliches Gespräch: Wichtig ist, den Vereinen für die Weiterentwicklung konkrete Tipps mitzugeben und ihren Einsatz mit einer wertschätzenden Haltung zu belohnen. Jurygespräche könnten dabei der Schlüssel sein, denn sie ermöglichen echten Austausch und konkrete Unterstützung. Zudem schaffen sie Verständnis, bauen Barrieren ab und bringen Jury und Verein auf Augenhöhe zusammen.