«Ich glaube, die Musik ist für mich bestimmt»

Porträt Simon Gabriel mit Cornet
Das junge Bündner Musiktalent Simon Gabriel hat einen Traum: «Später fix in einer Höchstklasse-Brassband mitspielen und an Wettbewerben teilnehmen – vielleicht mit The Cory Band.

Beitragsbild: Vivivan@Rheinheimer.org

Der erst 16-jährige Engadiner Musiker Simon Gabriel hat vergangenen Herbst die SOLO-Finals des SWISS WINDBAND AWARD für sich entschieden. Im Interview spricht das junge Talent voller Bescheidenheit über sein Leben mit und neben der Musik sowie über seine Zukunftspläne.

Herzliche Gratulation Simon Gabriel zum Sieg! Was fällt dir als erstes ein, wenn du daran zurückdenkst?

Es war ein Kindheitstraum von mir, das Trompetenkonzert von Alexander Arutiunian einmal mit Orchester spielen zu dürfen. Es hat eine beachtliche Lautstärke und sehr viel Musikalität. Ich habe versucht, auf der Bühne nicht zu nervös zu sein, und mir zu Herzen genommen, das Stück auch zu geniessen. Es hat so viel Spass gemacht, es zu spielen.

Wie kam es zu diesem Kindheitstraum?

Ich habe dieses Stück vor einigen Jahren mit meinem Musiklehrer «Ludi» Anton Ludwig Wilhalm angespielt. Ein anderer seiner Schüler spielte es an einem Konzert, an dem ich gut zuhörte. Mir blieb, wie mächtig, laut und schön es ist. Den ersten Satz habe ich bereits einmal am SJMW vorgetragen. Es war ein Erfolg und seither hat mich dieses Stück nicht mehr losgelassen.

Was bedeutet dir der SOLO-Finals-Titel?

Jeder Wettbewerb bedeutet mir am Anfang gleich viel, und zwar wegen dem Jurybericht. Mich interessiert als erstes, wie mich die Experten sehen. Erst danach kommt der Wettbewerb an sich. Der SOLO-Finals-Titel ist ein grosser Erfolg für mich, da ich mich im Vorfeld gegen rund 5000 Solistinnen und Solisten durchgesetzt habe.

Wieso ist dir der Jurybericht so wichtig?

Mit einem Podestplatz oder einem Sieg habe ich noch keine Kritik erhalten, mit der ich mich weiterentwickeln kann. Deshalb sind mir die Berichte oder Gespräche mit den Experten so wichtig. Ich finde es auch spannend, wenn die Jury vor dem Wettbewerb nicht bekannt ist und erst danach vorgestellt wird. Beim SSQW vor zirka zwei Jahren war Roger Webster in der Jury – ihn so zu treffen macht Freude und ist eine grosse Ehre.

Was war am Halbfinal in Bern Ende August speziell?

In der Kaserne war es brutal heiss. Zudem war ich nervös, denn ich hatte mich während den Schulferien vorwiegend auf das Finalstück konzentriert und die drei Stücke – The Débutanté, Trompeten-Konzert in Es-Dur und Don’t Doubt Him Now – für den Halbfinal fast ein wenig vergessen. Zum Glück waren es Werke, die ich bereits kannte und auch schon gespielt hatte.

Simon Gabriel spielt Trompete mit geschlossenen Augen Foto: Roger Stöckli, rsfilm.ch
«Ich glaube, ich habe noch nie so viel geschwitzt wie am Halbfinal der SOLO-Finals?! Als Oberengadiner bin ich eher an kühle Temperaturen gewöhnt», so Simon Gabriel.

Erzähle von dir und deiner Familie.

Ich komme aus S-chanf im Oberengadin, wo ich die Primarschule besuchte. Schon früh habe ich meinem älteren Bruder Gian Duri (22, Geomatiker und Landwirt i. A.) nachgeeifert und eine Leidenschaft fürs Trompetenspiel entwickelt. Ab August 2021 habe ich die Talentschule in Champfér besucht. Mein Vater führt einen landwirtschaftlichen Betrieb mit Simmentaler Mutterkühen und baut Gemüse und Getreide an. Meine Mutter ist 2022 an Krebs gestorben. Die Musik hat mir geholfen, dieses Schicksal zu verarbeiten. Wenn ich spiele, fühle ich mich nahe bei ihr. Ich glaube, es ist ein Zeichen, dass die Musik für mich bestimmt ist.

Hast du Zeit für ein Hobby?

Gute Frage! [lacht und überlegt] Ich arbeite gerne im Stall bei meinem Vater. Das macht mir Freude und als Bauernsohn vermisse ich diese Arbeit auch ein wenig. Es ist eine willkommene Abwechslung zwischen Musik und Beruf.

Komponieren magst du auch.

Ich habe ein Teststück für Brass Band geschrieben, das ich noch perfektionieren muss. Vielleicht werde ich es einmal mit einer Brass Band spielen oder es bleibt einfach bei mir, als erstes Projekt, an dem ich immer weiterarbeiten und daraus lernen kann.

Simon Gabriel spielt Cornet auf der EBBC-Bühne Foto: Maxime Schmid
Simon Gabriel beim Solistenwettbewerb am EBBC Malmö 2023

Diesen Sommer hast du deine Lehre gestartet.

Ja, ich habe als Restaurantfachmann EFZ im Hotel Waldhaus in Sils im Engadin angefangen. Es gefällt mir sehr gut und ich freue mich, dass ich die Kraft von der Stallarbeit im Service zum Tragen schwerer Tabletts brauchen kann.

Hast du noch Zeit zum Üben?

Ich habe unregelmässige Arbeitszeiten und muss meine Freizeit gut einteilen. An den Arbeitstagen darf ich während der Zimmerstunde am Nachmittag in der Kapelle üben, die zum Hotel gehört. Es ist mir wichtig, momentan nur musikalische Engagements einzugehen, die mich in meiner Musikkarriere weiterbringen.

Mit diesem Auftritt qualifizierte sich Simon Gabriel für den Final des Solistenwettbewerbs am EBBC 2023.

Am Europäischen Brass Band Wettbewerb (EBBC) 2023 in Malmö hast du deinen wohl bisher grössten Triumph gefeiert.

Ich habe den dritten Rang am Solistenwettbewerb erreicht und den Publikums- sowie den Band-Preis gewonnen. Ich wollte mich in der europäischen Brassbandszene einstufen, deshalb habe ich mitgemacht. Ich genoss Malmö sehr und ich glaube, der Halbfinal war eine meiner besten Performances. Ich konnte dort eine unglaubliche Musikalität herausholen. Eine der beiden Frauen in der Jury verriet mir, dass ihr männlicher Kollege beim langsamen Stück geweint habe. Dies hat mich sehr berührt.

Mit diesem Solo-Vortrag erspielte sich Simon Gabriel am Finale des EBBC in Malmö 2023 den 3. Rang.

Wie gehst du mit Nervosität um?

Für mich ist es wichtig, dass ich bei all meinen Auftritten ruhig auf die Bühne gehen kann. Klar, ich bin auch nervös, aber wenn ich meine Nervosität zeige, überträgt sie sich auf das Publikum und dann kommt es nicht gut. Ich möchte konstant und professionell auftreten, lächeln und dann versuchen, dem Publikum ein Geschenk zu machen, indem ich ihm mit meiner Musik Geschichten erzähle, um es zu berühren. Es geht nicht nur darum, technisch sehr anspruchsvolle Stücke zu spielen, sondern sie mit viel Musikalität zu interpretieren.

Hast du Vorbilder?

Lange Zeit war es Ludi, mein Musiklehrer. Dann kamen weitere hinzu, wie Roger Webster (international bekannter Cornetist und Hochschuldozent) und Tom Hutchinson (Principal Cornetist der Cory Band). Tom war Registerleiter bei der Nationalen Jugend Brass Band (NJBB) und sagte zu mir «I want you in my band». Ich habe gelacht und er erwiderte: «I’m not joking, Simon» und lud mich nach England ein.

Wen würdest du als dein Idol bezeichnen?

Maurice André (klassischer Trompeter und Hochschuldozent) und Richard Marshall (Principal Cornetist von The Black Dyke Band und Toms Lehrer). Am EBBC sass ich beim Teststück-Wettbewerb vorne im Publikum. Als The Black Dyke Band auftrat, kam Richard Marshall kurz von der Bühne und gratulierte mir zum Solo-Wettbewerb. Das hat mich sehr geehrt.

Simon Gabriel (2.v.r.) in Uniform mit der Solo Cornet Section der Cory Band Foto: Arno Gabriel
Tom Hutchinson (2.v.l.) lud Simon Gabriel (2.v.r.) ein, mit der berühmten The Cory Band bei zwei Konzerten mitzuspielen. Daneben erteilt er Simon regelmässig Online-Unterricht.

Wird aus dir ein Profi-Musiker?

Ich hoffe es! Zuerst möchte ich meine Lehre erfolgreich abschliessen und voraussichtlich nach dem Militär mit dem Musikstudium beginnen. Ich würde gerne in England studieren. Vorher möchte ich vor allem gut spielen, um mein Limit zu suchen. Auch das Dirigieren möchte ich lernen, aber vorerst will ich gut spielen. Trotzdem übe ich jetzt schon vor dem Spiegel, wenn ich Musik höre.

Bandfoto Graubünden Brass Foto: zVg
Am SBBW 2024 spielte Simon Gabriel (vorderste Reihe, 4.v.r.) mit Graubünden Brass als Principal Cornetist das Teststück «Red Priest» von Philip Wilby.

Was steht 2025 an?

Die Teilnahmen am BSEW am 25.1. in Jenaz und am SSQW am 12./13.4. in Bern. Dann werde ich am Internationalen ARD-Musikwettbewerb vom 1.–19.9. in Deutschland mitmachen. Um den Final zu erreichen, muss ich mehrere Qualirunden überstehen. Vielleicht darf ich an Neujahr 2025 erneut mit der Cory Band auftreten.

Simon Gabriel (Jg. 2008)

  • Instrumente: Es-Trompete, Trompete in C, Trompete in B, Piccolo-Trompete, Cornet in B und Klavier – nimmt für beide Instrumente Unterricht in der Musikschule Oberengadin – sowie Alphorn
  • Band: Graubünden Brass, früher in der Musica Giuvenils La Plaiv Zernez 
  • Mitglied im Trompetenensemble MOTRE und Duo M.E.Tr.E., mit denen er diverse Preise gewann
  • ist vor allem als Solist oder in Musiklagern (z. B. NJBB) unterwegs
  • 2020 besteht er als jüngster Kandidat die Aufnahmeprüfung der NJBB
  • Oktober 2023: Einladung von der Cory Band nach England für zwei Konzerte
Porträt Simon Gabriel mit Cornet Foto: Vivivan@Rheinheimer.org

Sein beeindruckendes Palmarès als Solist

Bündner Solo- und Ensemblewettbe­werb (BSEW)

  • 2016: 4. Platz
  • 2017, 2018, 2019, 2022 und 2024: 1. Preis und Champion-Titel

Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb (SJMW)

  • 2017, 2019 und 2021: 1. Preis mit Auszeichnung
  • 2022: 1. Preis mit Auszeichnung an der Entrada und im Final
  • 2023: 1. Preis mit Auszeichnung an der Entrada, 1. Preis im Final

Talentwettbewerb Vorarlberger Landeskonservatorium

  • 2019 und 2020: 1. Preis

Schweizerischer Solo- und Quartettwettbewerb für Blechblas- und Perkussionsinstrumente (SSQW)

  • 2019: erreicht Finale als jüngster Teilnehmer (10-jährig)
  • 2021: 1. Preis Kategorie U13
  • 2023 und 2024: 1. Preis Kategorie U16

Musikwettbewerb Schiers

  • 2022: 1. Preis mit Auszeichnung

Solistenwettbewerb European Brass Band Championship (EBBC)

  • 2023: 3. Preis im Final sowie Publikums- und Bandpreis

SOLO-Finals SWISS WINDBAND AWARD

  • 2024: 1. Preis im Final

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