Atempause
Augen auf beim Notenkauf
Blasmusik ist auf Newsportalen kein Thema. Es sei denn, es gibt einen Aufreger wie im August, als sich anlässlich eines Konzerts der Swiss Armed Forces Brass Band ein Musiker weigerte, das Lied «Lili Marleen» des Nazi-Komponisten Norbert Schultze zu spielen. Ein Anlass, um sich grundsätzliche Gedanken über die Trennung von Künstler und Werk zu machen.
Grosse Kunst ist immer grösser als deren Schöpfer. Und grosse Kunst wird seit jeher immer wieder von schlimmen Menschen gemacht. Auch Komponisten haben verurteilungswürdige Ansichten geäussert oder sind z. B. Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt: Richard Wagner war ein Antisemit, und ob Michael Jackson Verbrechen begangen hat, ist nicht abschliessend geklärt. Soll man nun Wagners Musik nicht mehr aufführen oder Michael Jackson nicht mehr hören?
Selbstverständlich ist Wagners Musik nicht antisemitisch und Jacksons Songs sind genial. «Cancel culture» ist ein Schlagwort, und im Zusammenhang damit stellt sich die Frage, ob sich alle Menschen künstlerisch äussern dürfen oder manche vielleicht nicht. Welche Institution prüft die moralische Reinheit der Kunstschöpfenden und «genehmigt» deren Produkte? Eine absurde Frage, aber in Diktaturen existieren solche Behörden.
Sicher darf man Wagner hören und «Lili Marleen» spielen, aber man muss sich mit den schwierigen Komponisten kritisch auseinandersetzen und ihre Haltung sowie ihr Umfeld thematisieren. Deshalb: Beim Zusammenstellen des Konzertprogramms nicht nur «Ohren auf!», sondern auch: «Augen auf!»
Ernst May
Carte Blanche
50 Jahre …
Nach mehr als 50 Jahren in der Blasmusikszene möchte ich zuerst auf ein prägendes Ereignis zurückblicken. 1977 besuchte ich erstmals den Final der Britischen Brassband-Meisterschaften in London. Die Qualität der Bands wirkte ausserirdisch – Profimusiker, dachte man, mit denen Schweizer Formationen niveaumässig niemals mithalten könnten. Es sollte anders kommen: 2014 gewann mit der Bürgermusik Luzern erstmals eine Schweizer Band den Europäischen Wettbewerb, gefolgt von drei weiteren Titeln (Valaisia, Treize Etoiles).
Doch es geht mir hier nicht in erster Linie um Eliteformationen; diese Entwicklung steht stellvertretend für die gesamte Schweizer Blasmusik. Auf allen Stufen hat sich so viel getan, und auch Blasorchester und Blaskapellen feiern internationale Erfolge. Über 550 Vereine werden am Eidgenössischen Musikfest teilnehmen – ein starkes Zeichen, dass unsere Blasmusik lebt. Gleichzeitig warten grosse Herausforderungen. Oft fehlt der Nachwuchs, das breite Freizeitangebot für die Jugendlichen erfordert von den Vereinen neue Wege und Innovation. Wichtig aus meiner Sicht: Es gibt nicht DAS Modell. Jeder Verein muss sich eigenständig positionieren, um sein Publikum zu finden und zu begeistern. Auf welchem Niveau und mit welcher Literatur ist letztendlich nicht entscheidend. Es geht darum, Menschen zusammenzuführen und gemeinsam Musik zu erleben.
Foto: Alex Bichsel FotografieVerband
Ausblick 2026
2026 steht ganz im Zeichen des Eidgenössischen Musikfests, an welchem unser Verband durchgehend präsent sein wird. Die Studienreise nach Kerkrade dürfte einen weiteren Höhepunkt unserer Aktivitäten darstellen. Zudem findet vom 10.–13. September der 11. Schweizerische Dirigentenwettbewerb statt. Ebenso steht die Planung des nächsten Kongresses an. Alle Informationen wie immer detailliert auf dirigentenverband.ch.
Agenda
21.–23.11. BRAWO, Stuttgart (D)
27.–29.11. Wind Band Conducting Competition, Warschau (PL)
24.1.2026 18. Brassband-Wettbewerb «Grosser Preis von Birmenstorf»
Vox Humana
«Wenn alle Hoffnung fort ist, gibt es keinen Grund für Pessimismus.»
Aki Kaurismäki
Impressum
Offizielles Mitteilungsorgan des Schweizer Blasmusik-Dirigentenverbands (BDV). Erscheint vierteljährlich im unisono.
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28. Jahrgang
Die nächste MAESTRO-Ausgabe erscheint im unisono 1/2026.