Leidenschaft überwindet jedes Hindernis. Wer daran zweifelt, sollte mit Piercarlo Montorfano sprechen. Am 9. März 2026 wird er 80 Jahre alt – die Hälfte seines Lebens hat er mit nur einem Lungenflügel verbracht. Aber das Musizieren hat er nie aufgegeben.
An einem ziemlich wechselhaften Junitag mache ich mich auf den Weg zu ihm. Montorfano erwartet mich bereits und hat zur Begrüssung seine Instrumente fein säuberlich vor dem Haus aufgereiht. Wir machen ein paar Fotos, doch bald fallen die ersten Regentropfen. «Könnten Sie mir vielleicht kurz helfen, alles ins Trockene zu bringen?», fragt er. Wir räumen gemeinsam die eigens für diesen Anlass aufgebaute Szenerie ab und beginnen unser Gespräch.
Piercarlo, wie würden Sie sich selbst beschreiben?
Ich bin der Ehemann von Mariangela, Vater von Katia, Davide und Sheila und Grossvater von Naroa, Evan, Alan und Nicole. Und ich bin sehr aktiv, insbesondere als Musikant: Ich spiele in der Filarmonica Medio Vedeggio, in der Tessiner Militärmusik, im Veteranenspiel des Tessiners Blasmusikverbands sowie in einigen anderen Musikkapellen.

Wie sind Sie zur Musik gekommen?
Ich wuchs in Bedano auf, wo mein Vater Ernesto im Musikverein Bariton spielte – er war es, der mir dieses Instrument näherbrachte. Wenn ich mich recht erinnere, begann ich Ende der 1950er Jahre an der Musikschule der Filarmonica von Torricella-Taverne mit dem Flügelhorn, das mir damals ausgeliehen wurde. Später kaufte ich mir eine eigene Trompete und trat dem Musikverein offiziell bei. Ein paar Jahre danach durfte ich einen Bariton ausprobieren.
Sein weicher und zugleich durchdringender Klang begeisterte mich sofort. Ich kaufte mir zuerst ein Yamaha-Euphonium und später ein Melton. Und bis heute spiele ich abwechselnd auf beiden, je nach Anlass – ob in meiner Bandella in Bedano, in der Filarmonica Medio Vedeggio oder in den anderen Formationen, in denen ich spiele.

Sie engagieren sich nicht nur musikalisch, sondern fanden auch sonst Mittel und Wege, um sehr viel Zeit in die Musikvereine und in die Freiwilligenarbeit zu investieren. Dabei hatten Sie es auch beruflich ziemlich intensiv, oder?
Das stimmt, ruhig war es definitiv nie! Nach der Ausbildung an der Interkantonalen Polizeischule trat ich in die Kantonspolizei Tessin ein. Später war ich in der Abteilung Öffentliche Sicherheit tätig und übernahm dann die Leitung der Abteilung Delikte Leib und Leben bei der Kriminalpolizei.
Das war anspruchsvoll – ein Beruf auf dem Feld ohne klar definierte Arbeitszeiten. Bei gewissen Ermittlungen arbeiteten wir verdeckt und observierten manchmal sogar bis über die Landesgrenze hinaus nach Italien.

Können wir uns das wie in den Kriminalfilmen vorstellen, die man aus dem Fernsehen kennt?
Ja, tatsächlich. Ich verfolgte Täter, nahm sie fest, verkleidete mich für Ermittlungen, schritt bei Schusswechseln ein, sass nächtelang im Auto, um zu observieren usw. Ich kam mit Realitäten in Berührung, die nicht einfach zu verdauen sind, und sah Dinge, die einen nicht gerade aufbauen.
Aber es war ein Beruf, der mich packte und erfüllte – eine echte Lebensschule. Und obwohl ich manchmal tagelang im Einsatz war, verpasste ich im Musikverein nie zwei Proben hintereinander!
Foto: Lara BergliaffaUnd dann kam irgendwann der Moment, an dem Sie die Abteilung für Tötungsdelikte verlassen mussten. Und damit kommen wir zum Kern Ihrer Geschichte …
Genau. Für die Mitarbeiter der Kantonspolizei war es üblich, sich alle zwei Jahre einer Röntgenuntersuchung zu unterziehen. 1986 hatte ich über einen britischen Kollegen einen Intensivsprachkurs in England geplant. Ich bat also darum, die Untersuchung zum frühestmöglichen Termin machen zu dürfen, und so wurde die Röntgenaufnahme am 28. April durchgeführt.
Damals wusste man noch nicht, dass zwei Tage zuvor einer der Reaktoren des Kernkraftwerks in Tschernobyl explodiert war. Am 30. April informierte Schweden ganz Europa darüber, dass sie radioaktive Strahlung in der Atmosphäre festgestellt hatten – was kurz darauf auch von den sowjetischen Behörden bestätigt wurde. So beschloss die Tessiner Gesundheitsbehörde damals, vorerst sämtliche Röntgenuntersuchungen auszusetzen, da sie eine Beeinträchtigung der Auswertungen befürchtete. Zum Glück untersuchte der Kantonsarzt meine Aufnahmen trotzdem, denn er sah auf dem Röntgenbild einen verdächtigen Schatten auf der rechten Lunge.
Man schickte mich sofort für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus, wo man ein Karzinom in meinem oberen Lungenlappen diagnostizierte – also einen bösartigen Tumor.

Man könnte also sagen, der Sprachkurs, den Sie gar nie besucht haben, hat Ihnen das Leben gerettet?
Wahrscheinlich, ja. Ohne diesen Kurs hätte ich die Untersuchung vermutlich zu spät machen lassen. Rund zwanzig Tage nach der Diagnose, am 30. Mai 1986, wurde mir am Berner Inselspital der ganze rechte Lungenflügel entfernt. Danach war ich vier Monate in der Reha in Thun, bevor ich endlich wieder nach Hause durfte.
Meine ganze Familie war da, um mich zu empfangen – sie war mein Halt in dieser schweren Zeit. Nachdem ich alle umarmt und etwas Zeit mit ihnen verbracht hatte, zog ich mich für einen Moment zurück … ich musste einfach versuchen, ein paar Töne auf dem Euphonium zu spielen. Es kamen zwar nur zwei, drei Töne heraus – aber sie machten mich sehr glücklich!
Foto: Lara BergliaffaWieder zur Musik zurückzukehren, das war sicher ein grosser Trost, oder?
Ja, aber nicht nur. Die Ärzte wussten, dass ich Musiker bin und rieten mir, regelmässig zu spielen. So konnte sich mein linker Lungenflügel weiterentwickeln. Vor allem am Anfang war das wirklich schwer, weil die Wunde noch frisch war und ziemlich weh tat – damals wurde man für solche Eingriffe ja noch richtig «aufgeschnitten».
Der Tumor war zwar entfernt, aber ich musste noch einige Jahre lang mehrere Chemotherapien und Spezialbehandlungen durchstehen. Und weil ich wusste, wie wichtig das Musizieren für meine Genesung war, liess ich mir sogar eine Zampogna (eine italienische Sackpfeife, eine Art Dudelsack) anfertigen, um meine Atemtechnik gezielt zu trainieren. Und im Februar 1987 sass ich endlich wieder auf meinem Platz im Probelokal.
Foto: Lara BergliaffaSchritt für Schritt sind Sie also ins Leben zurückgekehrt. Aber es war sicher nicht mehr ganz so wie früher, oder?
Nein, sicher nicht. Ich musste meine Abteilung verlassen und wechselte zur Drogenfahndung. Statt Tag und Nacht Verbrecher zu verfolgen, konzentrierte ich mich nun stärker auf Ermittlungen und Befragungen. Aber auch parallel zu meinem Beruf blieb mein Privatleben sehr aktiv. Ich engagierte mich in verschiedenen Verbänden und Vereinen, war 23 Jahre lang im Gemeinderat von Bedano und danach 15 Jahre lang Gemeindepräsident.

All das ist ja selbst mit zwei Lungenflügeln keine Selbstverständlichkeit!
Das stimmt. Ich bin den Ärztinnen und Ärzten, meinen Vorgesetzten, Kolleginnen und Kollegen, den vielen Freundinnen und Freunden einfach unendlich dankbar. Aber am meisten meiner Familie – sie war mein Anker. Auch meine Kinder musizieren, und die Enkel haben nun ebenfalls mit dem Instrumentalunterricht begonnen. Ihnen verdanke ich es, dass ich heute noch mit meinem Euphonium unterwegs sein kann – bei Proben, Auftritten, in der Natur. Und wenn meine Geschichte anderen Menschen Mut machen kann, die selbst oder in ihrem Umfeld mit schweren Krankheiten kämpfen, dann freut mich das besonders.
Foto: Lara Bergliaffa