«Die Dirigierpraxis hat grösste Bedeutung»

Toni Scholl mit Taktstock vor dem Orchester
Toni Scholl ist es ein Anliegen, Dirigierpersonen gut auszubilden, weil diese durch ihre Arbeit am Dirigentenpult musikalischen Arbeit verbinden

Featured image: zVg

Auf Wunsch der Musikkommission des Schweizer Blasmusikverbands (SBV) lanciert «unisono» eine neue Beitragsserie. In dieser beantworten ausgewählte Fachpersonen aus dem In- und Ausland die Fragen der SBV-Redaktion. Der deutsche Dirigent und Dozent Toni Scholl äussert sich als erster, wo er die Schweizer Blasmusikszene hinsichtlich verschiedener Themen sieht.

Aus- und Weiterbildung Dirigieren

Warum ist es aus Ihrer Sicht wichtig, grundsätzlich in die Ausbildung von Dirigierpersonen zu investieren?

Dirigierende tragen eine zentrale Verantwortung innerhalb eines Orchesters. Sie verbinden Menschen durch ihre Arbeit, formen aus vielen individuellen Persönlichkeiten eine künstlerische Einheit und ermöglichen gemeinsames musikalisches Erleben. Diese Fähigkeiten müssen bei vielen Musizierenden erst geweckt und bewusst entwickelt werden.

Ein sehr guter Instrumentalist ist nicht automatisch auch ein guter Dirigent. Zwar kann er oder sie musikalische Visionen oft sprachlich formulieren, doch häufig sprechen Körper und Hände eine andere Sprache. Genau diese nonverbale Kommunikation ist jedoch essenziell. Deshalb ist eine fundierte, künstlerisch orientierte Dirigentenausbildung unabdingbar.

Neu wird die Praxis der Dirigierausbildung in der Schweiz stärker gewichtet. Wie sehen Sie das?

Die Praxis hat für mich die grösste Bedeutung. Nur durch kontinuierliches Arbeiten mit und vor Orchestern kann sich die notwendige Sicherheit entwickeln. Gleichzeitig muss der theoretische Teil sehr ernst genommen werden.

Wie schätzen Sie die Verlagerung bestimmter Inhalte auf E-Learning ein?

Da die zur Verfügung stehenden Zeitfenster begrenzt sind, halte ich die Verlagerung bestimmter Inhalte in den E-Learning Bereich für sinnvoll. Bei Unklarheiten kann und muss der Hauptfachunterricht unterstützend eingreifen und die Inhalte vertiefen.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Möglichkeiten, enger mit Musikschulen zusammenzuarbeiten?

Es ist durchaus vorstellbar, Dirigieren – ähnlich wie ein instrumentales Hauptfach – bereits in frühen musikalischen Jahren anzubieten. Auf diese Weise könnten grundlegende technische Fähigkeiten sowie das Verständnis von Partituren frühzeitig gefördert werden.

Welche Themen sollten aus Ihrer Sicht unbedingt an Weiterbildungsanlässen für Dirigierende angeboten werden?

Ein Schwerpunkt sollte klar auf einer soliden Dirigiertechnik liegen. Wenn Hände und Geist dieselbe Sprache sprechen, schreitet die musikalische Arbeit deutlich effizienter voran.

Wie erlangt man diese solide Dirigiertechnik?

Dirigieren sollte – im übertragenen wie im konkreten Sinn – täglich geübt werden. Ein klar strukturierter Übeplan hilft, Routine und Sicherheit zu entwickeln und langfristig zu festigen.

Toni Scholl mit dem Militärorchester Luxembourg (alle stehend) Foto: Jean Thillmany
«Die Blasmusik ist ein wichtiger Kulturteil für die Gesellschaft», ist Toni Scholl überzeugt.

Welche Rolle können die Kompetenzzentren Blasmusik in diesem Zusammenhang übernehmen?

In den Kompetenzzentren sollte eine fundierte Ausbildung von Dirigentinnen und Dirigenten etabliert werden. Pädagogische und methodische Ansätze für unterschiedliche Leistungsstufen müssen dabei ebenso im Fokus stehen wie die technische Ausbildung.

Warum diese Schwerpunkte?

Viele Kolleginnen und Kollegen sind hervorragende Instrumentalisten, können ihr musikalisches Wissen jedoch nicht ausreichend über Körpersprache und Dirigiertechnik vermitteln. Dazu gehört auch die Bereitschaft, sich auf persönliche Entwicklungsprozesse einzulassen und diese aktiv zu gestalten.

Kultur der Blasmusik

Ist es Ihrer Meinung nach nötig, dass sich die Blasmusik auch kulturell weiterentwickelt?

Aus meiner Sicht ist die kulturelle Aufgabe der Blasmusik – insbesondere im Sinne gesellschaftlicher Teilhabe – wichtiger als die reine Wettbewerbsteilnahme. Wettbewerbe liefern zwar Ergebnisse und Ranglisten, doch wie objektiv sind diese, und für wen sind sie letztlich relevant?

Und im Wettbewerbswesen?

Die intensive Vorbereitung auf Wettbewerbe ist für das Leistungsniveau eines Orchesters durchaus gewinnbringend. Ein ausgewogener Mix aus hochwertigen Konzertformaten und ausgewählten Wettbewerben kann daher sehr förderlich sein.

Wo sehen Sie den Höhepunkt im Jahresprogramm eines Musikvereins?

Das Jahreskonzert sollte den Höhepunkt im musikalischen Kalender eines Orchesters darstellen. Hier braucht es Mut zu anspruchsvollen Programmen, Offenheit für neue Musik und gleichzeitig die Pflege der Klassiker der sinfonischen Blasmusik. Dabei dürfen wir selbstbewusst auftreten und eine gleichberechtigte Wahrnehmung neben dem Sinfonieorchester einfordern – über alle Leistungsstufen hinweg, nicht nur in den Höchstklassen.

Hochschulen

Was sollten Hochschulen für eine nachhaltige musikalische Bildung stärker berücksichtigen?

Alle Hochschulen sollten sowohl einen Bachelor als auch einen Masterstudiengang in Blasorchesterleitung anbieten – vergleichbar mit der etablierten Chordirigierausbildung. Viele Absolvierende arbeiten später im Amateurbereich, dort jedoch mit einer professionellen Qualifikation.

Warum halten Sie es nicht für sinnvoll, ausschliesslich Masterprogramme anzubieten?

Dirigieren erfordert Zeit, kontinuierliche Praxis und eine jahrelange Erfahrung mit Ensembles, die reflektiert werden muss. Besonders in den Leistungsstufen 2 und 3 (Orchester der 2. und 3. Klasse) benötigen wir professionell ausgebildete Dirigierpersonen. Hochschulen sollten daher die Verantwortung übernehmen, dieses Fach verbindlich anzubieten.

Welche Bedeutung hat das Amateurmusizieren für die Daseinsberechtigung der Musikhochschulen?

Ohne die vielen Musikerinnen und Musiker, die im Blasmusikbereich aufgewachsen sind, gäbe es an den Hochschulen deutlich weniger qualifizierten Nachwuchs. Die Musikschulen und Blasorchester sind die eigentlichen Talentschmieden.

Dirigierpersonen sind oft die ersten Förderer dieser jungen Talente.

Ja genau. Und um dieser Verantwortung gerecht zu werden, müssen sie selbst fundiert ausgebildet und kontinuierlich weitergebildet werden. Ohne Blasmusik gäbe es auch keine Exzellenz im professionellen Bläserbereich.

Toni Scholl mit der german WIND PHILHARMONIC und einer Solistin (Sängerin?) Foto: zVg
Toni Scholl erinnert daran, dass «jeder Profi einmal ein Amateur war».

Ist Kultur «Profisache»?

Kultur ist per se vielfältig. Würde sie ausschliesslich von Profis geprägt, gingen zahlreiche Formate, Ausdrucksformen und Zugänge verloren – und das nicht nur in der Musik.

Wie meinen Sie das konkret auf die Blasmusik bezogen?

Gerade Amateurensembles erzeugen häufig eine besonders unmittelbare emotionale Wirkung, getragen von Begeisterung, Identifikation und persönlichem Engagement. Diese Qualität ist durch Professionalität allein nicht zu ersetzen. Deshalb ist die Antwort eindeutig: nein. Kultur lebt von Vielfalt – und genau diese Vielfalt gilt es zu bewahren.

Was müssen Hochschulen berücksichtigen, wenn sie das Amateurmusizieren bewerten?

Dass jeder Profi einmal Amateur war: Viele Kollegen vergessen, dass prägende Erlebnisse in der sinfonischen Blasmusik häufig Auslöser für die spätere Beschäftigung mit klassischer Literatur waren. Für viele war das erste Spielen einer Transkription im Blasorchester der Einstieg in diese musikalische Welt und der Beginn einer nachhaltigen Neugier.

Und zweitens?

Dass die einheimische Kultur gefördert wird: Hochschulen sollten regionale Gegebenheiten stärker berücksichtigen und nicht ausschliesslich den internationalen Massstab anlegen. Künstlerische Exzellenz ist wichtig, beginnt jedoch an der Basis. Dafür brauchen wir hervorragend ausgebildete Dirigentinnen und Pädagogen in den Vereinen. Gerade diese Basisarbeit ermöglicht es, Exzellenz frühzeitig zu erkennen und weiterzuentwickeln.

Blasmusik allgemein

Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation und die Zukunft der Blasmusik?

In vielen Regionen ist ein Rückgang aktiver Musiker zu beobachten, was unterschiedliche Ursachen hat. In einer zunehmend digitalen und von Unterhaltung überfluteten Welt müssen möglicherweise neue Arbeits- und Organisationsformen gefunden werden – etwa klarere Zeitstrukturen für Proben und Konzerte.

Warum verzeichnen sehr gut geführte Orchester das Gegenteil, nämlich einen Starken Zulauf?

Dies hängt häufig mit einer klaren künstlerischen Vision, effizienter Probenarbeit und einer wertschätzenden Probenkultur zusammen.

Wie kann ein positives Image der Blasmusik nachhaltig gestärkt werden?

Indem wir unsere Konzerte selbstbewusst und professionell vermarkten und sie in einem seriösen, hochwertigen Umfeld präsentieren. Auch gut gespielte Unterhaltungsmusik verdient meiner Meinung nach einen professionellen Rahmen – etwa in Konzertbestuhlung und mit klarer künstlerischer Haltung.

Welche Pflichten haben Kulturorganisationen und Musikbildungsstätten gegenseitig?

Beide Seiten müssen sich als unverzichtbare Partner begreifen. Musikbildungsstätten sind essenziell für die soziale, kognitive und menschliche Entwicklung junger Menschen. Der Wert dieser Arbeit kann kaum hoch genug eingeschätzt werden und sollte von Kulturorganisationen aktiv unterstützt und mitgetragen werden.

Dirigent Toni Scholl bei einem Auftritt mit der german WIND PHILHARMONIC Foto: Heinz Bunse
Seit der Gründung der Bläserphilharmonie Baden-Württemberg «german WIND PHILHARMONIC» im Jahr 2012 hat Toni Scholl die musikalische Leitung inne.

Antonius (Toni) Scholl

Persönliches

1963 geboren in Saarlouis im Saarland (DE), verheiratet, Vater von 3 Kindern

Musikalische Karriere

Mit 10 Jahren beginnt Toni Scholl im örtlichen Musikverein zu spielen. Er ist fest entschlossen, Berufsmusiker zu werden. Nach dem Wehrdienst-Studium studiert er an den Musikhochschulen Saarbrücken und Frankfurt am Main weiter. Danach wird er Tenorhornist bei Ernst Mosch und Aushilfe in vielen Sinfonieorchestern.

Musikalische Stationen

  • 1993 wird Scholl zum stellvertretenden Leiter des Polizeimusikkorps BW berufen
  • 2004 wird er dort Chefdirigent
  • Während 10 Jahren war er auch Chefdirigent des Schwäbischen Jugendblasorchesters
  • 2012 gründet er die Bläserphilharmonie BW (german Wind Philharmonic)

Aktuelle berufliche Tätigkeiten

  • Seit 2015 ist Scholl Akademischer Mitarbeiter an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim
  • International ist er als Dozent, Juror und Gastdirigent unterwegs

«Was mir nebst der Musik wichtig ist»

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