Für das Galakonzert 2025 erweiterte die Musikgesellschaft von Riva San Vitale ihr Korps mit Gästen aus zwei geografisch weit voneinander entfernten Regionen.
Am Samstag, 6. Dezember 2025 fand das Galakonzert wie gewohnt in der Aula der Mittelschule statt. Ungewohnt an diesem Abend war hingegen die Besetzung der Formation: Nebst den «regulären» Aktivmitgliedern standen auch Gäste auf der Bühne, die diesen Moment zu etwas ganz Besonderem machten. Die Filarmonica Comunale Riva San Vitale hatte nämlich Musikerinnen und Musiker in ihre Reihen aufgenommen, die auf unterschiedliche Art am Dorfleben teilnehmen.
Die Fondazione don Guanella
Seit vielen Jahren gehört das Istituto Canisio fest zu Riva San Vitale. Vor etwas mehr als einem Jahr wurde es nun zur Stiftung (Fondazione) don Guanella umbenannt: eine Einrichtung, die auf die spezifischen Bedürfnisse von Menschen ab sechs Jahren über das Jugend- bis zum Erwachsenenalter eingeht, die mit besonderen Herausforderungen konfrontiert sind.
Die Stiftung, die sich aktiv für die Integration ihrer Schützlinge in die Gesellschaft einsetzt, nahm im Laufe des Jahres 2025 Kontakt mit der Musikgesellschaft auf, um abzuklären, ob einige Personen am Galakonzert 2025 teilnehmen könnten. Der Verein war einverstanden, nicht zuletzt aufgrund der Zustimmung ihres Dirigenten Francesco Iannelli, der mit solchen Projekten bereits Erfahrung hatte. Romualdo Fontana, Mitglied der Musikkommission, berichtet uns von dieser Zusammenarbeit.
Romualdo Fontana, wie ist die Zusammenarbeit mit der Stiftung don Guanella verlaufen?
Die Stiftung hat uns gebeten, einige ihrer Schützlinge aktiv in die Gestaltung des Galakonzerts einzubeziehen. Da die Veranstaltung in der Adventszeit stattfand, entschieden wir uns dafür, gemeinsam ein Weihnachtslied zu singen.
Die Projektgruppe der Stiftung, bestehend aus vier Erwachsenen und drei Jugendlichen in Begleitung von zwei Betreuungspersonen, hatte bereits unser Osterkonzert besucht. So konnten sie uns zuhören und sich ein Bild von der Situation machen, die sie erleben würden. Zusammen mit dem Dirigenten wählte die Musikkommission das bekannte Weihnachtslied «Deck the Hall» für die gemeinsame Aufführung aus.
Foto: Noris GuariscoWelche Rolle spielten die von der Stiftung integrierten Personen?
Während des Refrains unterstützten sie das Perkussionsregister mit dem Schellenkranz. Wir stellten den für das Projekt verantwortlichen Pädagogen eine Kopie der Partitur zur Verfügung, damit die Teilnehmenden der Projektgruppe auch für sich üben konnten.
An einer unserer Proben nahmen wir das Stück auf und gaben ihnen die Aufnahme weiter, sodass sie am «echten Stück» üben konnten. Die Ad-hoc-Perkussionisten nahmen an unseren beiden letzten Proben teil und alles hat hervorragend geklappt!
Eine mehr als zufriedenstellende Darbietung also.
Nein, sogar eine hervorragende Darbietung! Nicht nur das Stück selbst gelang sehr gut, auch die Freude über diese Zusammenarbeit war spürbar, sowohl bei den Teilnehmenden der Stiftung als auch bei uns.
Nach dem Konzert, das mit grossem Applaus gewürdigt wurde, wandte sich unser Dirigent an einen der Jüngsten der Gruppe, der grosses Interesse am Dirigieren gezeigt hatte, und schenkte ihm seinen Taktstock. Dieser Moment war wirklich bewegend!
Foto: Noris GuariscoWird die Zusammenarbeit mit don Guanella nun beendet?
Nein, sicher nicht. Wir werden uns andere Möglichkeiten für gemeinsame musikalische Darbietungen überlegen. Die Beziehung zur Stiftung geht jedoch weit über die Musik hinaus: Unser Verein hatte der Stiftung bereits bei der Organisation ihrer traditionellen Tombola geholfen, sie wird uns diesen Sommer in der Logistik bei unserem «Fest am See» unterstützen.
Auch innerhalb der Stiftung ist man von dieser Zusammenarbeit beeindruckt. Wir haben mit den beiden für das Projekt verantwortlichen Pädagogen Luca Dai und Mauro Festa gesprochen. Ersterer kümmert sich um die jungen Schützlinge, der Zweite um die Erwachsenen.
Luca Dai, wie haben Sie ihre Anvertrauten auf die Begegnung mit den Musizierenden von Riva San Vitale vorbereitet?
Wir führen mit unseren Mitgliedern ein Projekt namens «Musik zum Zuhören und für die Gemeinschaft» durch. Hierfür steht uns ein schöner, schallisolierter Raum zur Verfügung, in dem wir unsere Musikworkshops abhalten können: Unsere Schützlinge benötigen einen sicheren und einladenden Ort, um sowohl zu Musizieren als auch die Freude am Zusammensein zu entwickeln.
Wir haben an verschiedenen Aspekten einer gemeinsamen Darbietung gearbeitet: lernen, zuhören und auch anderen Raum lassen, und natürlich haben wir die Parts gemeinsam mit den Projektteilnehmenden einstudiert. Auch der emotionale Aspekt musste sorgfältig berücksichtigt werden, insbesondere bei den Jüngeren. Musizieren löst viele Emotionen aus, und man muss lernen, mit ihnen umzugehen.
Foto: Noris GuariscoIhr habt also nicht immer alle zusammengearbeitet?
Nein, die Erwachsenen und die Jugendlichen haben auch getrennt voneinander geübt, da sie unterschiedliche Bedürfnisse haben. Die Vorbereitungen haben im September begonnen; alle zwei Wochen haben wir gemeinsam geprobt.
Wie haben die Teilnehmenden das Konzert erlebt?
Es war sehr aufregend. Die Mitmachenden waren sehr stolz darauf, Teil dieser Formation zu sein, und hochmotiviert: Alle wollten, dass ihre Eltern und Freunde kommen, um ihnen zuzuhören. Das kommt nicht oft vor. Ich möchte betonen, dass wirklich alle ihr Bestes gegeben haben – im Konzert gab es keinen einzigen Fehler! Der Junge, der den Taktstock geschenkt bekommen hat, nimmt inzwischen sogar Schlagzeugunterricht.
Als wäre die Vorbereitung des Galakonzerts mit dem Musikverein nicht schon aufregend genug gewesen, beteiligten sich in der Herbstsaison auch zwei amerikanische Gäste mit einem völlig anderen Hintergrund: In Riva San Vitale – nur wenige hundert Meter von der Stiftung don Guanella entfernt – befindet sich der europäische Campus der US-Universität Virginia Tech. Die amerikanischen Studenten kommen hierhin, um sich im europäischen Umfeld weiterzubilden.
Foto: Noris GuariscoWährend die Projektgruppe in der Stiftung fleissig ihren Auftritt vorbereitete, nahmen die zwei Studentinnen an den wöchentlichen Proben der Filarmonica von Riva teil. Morgan Waterman (Flöte) und Juliana Cox (Trompete) hatten bereits Blasmusik-Erfahrung und spielten deshalb als vollwertige Mitglieder am Galakonzert mit.
Foto: Gentile concessione di Juliana CoxJuliana und Morgan, was für Erfahrungen mit der Filarmonica von Riva San Vitale nehmt ihr mit?
Morgan: Es war eine ganz neue Erfahrung, völlig anders als in allen anderen Formationen, in denen ich bisher gespielt habe: nicht so sehr wegen der Musik an sich, sondern wegen dem Gemeinschaftsgefühl, das dabei entstanden ist. Auch wenn wir nicht dieselbe Sprache sprachen, konnten wir uns über die Musik verständigen. Alle waren nur aus purer Freude am Musizieren da, daher war die Atmosphäre sehr entspannt: Das war wirklich toll!
Juliana: Obwohl ich fast kein Italienisch spreche, habe ich gemerkt, wie einfach Musik Sprachbarrieren überwindet: Sie schafft eine gemeinsame Sprache für alle Musiker. Ausserdem sind viele musikalische Begriffe weltweit ohnehin auf Italienisch. Meine Registerkollegen halfen mir jeweils, wenn ich etwas nicht verstanden hatte. Und eine Sache hat mich besonders beeindruckt: Abgesehen von der unterschiedlichen Sprache ist die Filarmonica genau wie die Bands, in denen ich in den Vereinigten Staaten spiele. Man macht Witze, Smalltalk und es gibt ein starkes Gemeinschaftsgefühl.
Foto: Noris GuariscoWie seid ihr auf die Musikgesellschaft von Riva San Vitale gekommen?
Morgan: Juliana und ich haben uns auf dem Campus in Riva San Vitale ein Zimmer geteilt, und Ende des Sommers hörten wir aus der Ferne Musik. Für uns war sofort klar, dass es eine Blasmusik war, da wir in den USA selbst in ähnlichen Formationen spielen. Ich spiele schon seit meinem zwölften Lebensjahr Flöte, deswegen war ich gleich Feuer und Flamme. Ich sagte mir, dass dies eine tolle Gelegenheit wäre, zu erleben, wie man im Tessin Musik macht.
Juliana: Ich fragte unsere Schulleiterin am Campus und sie erklärte mir, dass sich der Proberaum des örtlichen Blasmusikvereins nur wenige Meter Luftlinie entfernt von unserem Campus befinde. Morgan und ich hatten unsere Instrumente mitgebracht, und ich dachte mir, dass wir aktiv an einem Konzert der Gesellschaft teilnehmen könnten, anstatt es nur anzuhören, um so meine musikalische Tätigkeit auch fern von zu Hause fortzusetzen. Und es schien mir eine schöne Idee, dabei die Einheimischen und ihre Kultur kennenzulernen.
Foto: Noris GuariscoWie lange wart ihr in Riva San Vitale und was studiert ihr?
Juliana: Wir waren vier Monate dort, von Mitte August bis Mitte Dezember. Ich studiere Geologie an der Virginia Tech University. Riva San Vitale eignet sich wegen seiner spannenden geologischen Lage und der Nähe zu wichtigen Orten in den Schweizer Alpen und in Italien hervorragend für dieses Studium.
Morgan: Ich war in Riva, um mein Bachelorstudium in Architektur abzuschliessen. Im Programm ging es unter anderem um das Studium der architektonischen Ausdrucksformen in der Region und um die Planung der Erweiterung des Weinkellers von einem Weingut in Rovio, einem nahegelegenen Dorf.
Foto: Trena CarrollWie sind eure Erfahrungen mit euren Instrumenten und mit der Blasmusik in den Vereinigten Staaten?
Morgan: Ich habe mit 12 Jahren angefangen, Flöte zu spielen, und habe während meiner gesamten Schulzeit in Formationen wie Marching Bands, Sinfonieorchestern und Blasorchestern gespielt. Auch an der Universität habe ich mit Leidenschaft weitermusiziert und ein Semester lang im Flötenensemble der Virginia Tech University gespielt.
Juliana: Ich spiele Trompete seit meinem achten Lebensjahr, also seit 13 Jahren, und habe in vielen Blasorchestern mitgespielt. In letzter Zeit habe ich in verschiedenen Formationen der Virginia Tech University gespielt: In der Concert Band, der Pep Band und der Marching Band. Die Concert Band ähnelt der Musikgesellschaft von Riva San Vitale am meisten: Man probt ein Programm für eine Saison ein und gibt am Ende ein öffentliches Konzert. In der Pep Band und der Marching Band muss man die Stücke hingegen schneller lernen, weil es darum geht, die Basketball- und American-Football-Teams der Universität an ihren Matches musikalisch zu unterstützen. In der Marching Band werden ausserdem auch Shows mit Marschformationen gezeigt.
Foto: Atlas Vernier