Eine Betrachtung von Josef Gnos anhand von Stephan Jaeggis «Engiadina» (1948).
In diesem Essay gehe ich der Frage nach, wie sinnvoll eine Neuinstrumentierung älterer Blasmusikwerke ist.
Grundsätze in der Orchestermusik …
Im Bereich der Orchestermusik halten sich die Ausführenden üblicherweise an die Instrumentationsvorgaben der Komponisten. Werke aus der Spätromantik sind für Orchesterbesetzungen geschrieben, die im späten 19. Jh. immer grösser wurden, mit dreifach besetzten Holzbläsern und grossen Blechbläsersätzen.
Brahms, Bruckner, Mahler oder Wagner haben ihre eigenen Besetzungen geschaffen und sie zum Teil von Werk zu Werk verändert bzw. erweitert. Niemandem käme es in den Sinn, eines dieser Werke neu zu instrumentieren.
… und in der Blasmusik
In der Blasmusik ist die Übertragung älterer Kompositionen auf heutige Besetzungen immer wieder ein Thema. Aber warum? Hat man den Respekt gegenüber früheren Komponisten verloren, die ihren Zeitgeist verkörperten? Oder steht die Überzeugung dahinter, dass Besetzungen heutiger Blasorchester zeitlos sind und ewig überleben werden? Immer wieder werden Werke – mit mehr oder weniger Erfolg – neu instrumentiert.
Oft habe ich Jaeggis Märsche und die «Konzert- und die Festliche Ouvertüre» aufgeführt. Es wäre mir nie eingefallen, an deren Instrumentation etwas zu ändern. Am Beispiel der «Engiadina» will ich meinen Standpunkt erläutern. Auch ich gehörte eine Zeitlang zu jenen, die glaubten, man könne dieses Werk auf ein «modernes Blasorchester» übertragen. Nach intensivem Partiturstudium kam ich zum Schluss, dass dies nicht sinnvoll sei, und suchte einen anderen Weg.
Foto: zVgEinführung in die Partitur von «Engiadina»
Stephan Jaeggis Stil
Stephan Jaeggi hatte Vorbilder: Er orientierte sich an den grossen Sinfonikern, an Beethoven, Brahms, Bruckner, Wagner und Dvořák. Im Idealfall finden Künstler zu einem eigenen Stil. Jaeggi ist dies hervorragend gelungen. Er hatte eine sehr klare Vorstellung davon, wie seine Kompositionen klingen sollten.
Jaeggi erweiterte die Besetzung der Stadtmusik Bern mit Saxofonen, tiefen Klarinetten und Kontrabässen. Sein Ideal war das französische Militär-Blasorchester. Zu seiner Besetzung gehörten Flügelhörner und 3- bis 4-stimmige Tenorhornregister. Die Trompeten sind alseng mensurierte, höhere Erweiterung der Posaunen eingesetzt. Sie übernehmen fanfarenhafte Aufgaben oder verstärken das Orchester bei Tutti-Stellen. Die zu Jaeggis Zeit üblichen Flügelhörner werden melodieführend verwendet.
Meine Erfahrungen als Orchesterdirigent
Bei Aufführungen mit der Feldmusik Sarnen und dem Sinfonischen Blasorchester Schweizer Armeespiel verwendete ich Flügelhörner, je ein erstes und ein zweites, oder Cornets und eng mensurierte (möglicherweise deutsche) Tenorhörner, Tuben à la Wagner oder (wie in der Brass Band) eng mensurierte Baritone, die sich für hohe Lagen und Terzbildungen eignen. Manche Trompeter wechseln gerne gelegentlich auf das Flügelhorn oder das weicher klingende Cornet. Wenn Vibrato massvoll eingesetzt wird, funktioniert das gut.
Ein Bariton als hohe Bassstimme kann problemlos mit einem weit mensurierten Euphonium besetzt werden, niemals aber die hohen Tenorhörner. Das dritte Tenorhorn kann man weglassen, ebenfalls das Alto-Solohorn in Es, welches mit (ad lib.) bezeichnet ist, falls ein 4-stimmiger Waldhornsatz zur Verfügung steht. Dasselbe gilt für das Flügelhorn in Es. Es ist die Verdoppelung des Sopransaxofons und wird nur in reiner Blechbesetzung benötigt. Bei den Tuben rate ich zu einer ersten in C/Es und einer bis zwei zweiten in B/C, wie es u.a. Alfred Reed empfahl.
Einblick in die Partitur des Werks «Engiadina» des Komponisten Stephan Jaeggi.
Zur Frage der Perkussion: In Sinfonieorchestern spielen Schlagzeuger nicht in allen Stücken mit. Dort hält man sich strikt an die Vorgaben der Komponisten. Dies ist ein Problem, das aber mit sinnvoller Probengestaltung gelöst werden kann. Eine Komposition von Jaeggi & Co. wird nicht besser, wenn man sie mit Mallets und anderen modernen Schlagzeuginstrumenten erweitert.
Jaeggis Bemerkungen zum Klangbild
Mehrfach besetzte Tuben wirken sich ungünstig auf die Intonation aus. Zur Zeit von Jaeggi und übrigens auch von Benz und Huber gab es viele Verdoppelungen, damit die Stücke mit allen Besetzungen gespielt werden konnten.
Jaeggi war da sehr konsequent, indem er überall Klammern mit der Bemerkung «bei Harmoniebesetzung weglassen» oder «nur bei Blechmusik obligat» einfügte. Diese Weisungen sollten strikt eingehalten werden, damit der Klangausgleich perfekt funktioniert und ein Klangbild entsteht, das sich vom heutigen Blasorchesterklang wohltuend abhebt.
Jaeggi, Huber, Königshofer u.a.m. standen noch kaum unter den Einflüssen aus Amerika, England und den Niederlanden. Diesem Umstand sollte Rechnung getragen werden.
Traditionen sind etwas Wertvolles. Wenn sie nicht gepflegt werden, gehen sie verloren.
Kirjll Petrenko, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, 2025
Meine Empfehlung
Mein Essay möge Dirigentinnen und Dirigenten motivieren, ab und zu eine wertvolle Komposition eines Schweizer Komponisten der älteren Generation in ihr Konzertprogramm aufzunehmen. Deren Werke sind im Swiss Wind Repertoire aufgelistet.
Ein Werk mit reduzierter Besetzung innerhalb eines Konzertprogramms kann eine Bereicherung sein.
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Franziska Dubach
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