In Zeiten des Mitgliederschwunds und der damit verbundenen Besetzungsprobleme in vielen Vereinen gilt es, neue Wege zu finden, um die Blasmusik als Kulturträger zu erhalten.
Oft entsteht der Eindruck, dass die Diskussion um Mitgliederschwund, Neuausrichtung und Nachhaltigkeit in der Blasmusik erst seit Corona so richtig Fahrt aufgenommen hat. Man muss aber festhalten, dass die Thematik schon seit Jahrzehnten ihren Platz in den entsprechenden Gremien hatte, kaum aber an der Basis. Und da Nachhaltigkeit nicht verordnet werden kann, sondern von unten her wächst, haben wir in der Szene nun, mit Verspätung, eine breit geführte Auseinandersetzung über mögliche Massnahmen, um das Vereinssterben einzudämmen oder zu verhindern.
«Fusion» und «Spielgemeinschaft»
Beide Modelle beinhalten den Zusammenschluss von zwei Vereinskulturen und das Aufeinandertreffen verschiedener Interessen. Die Form der Spielgemeinschaft, eine Art «Fusion light», taucht immer mehr in den Konzertkalendern und an Wettbewerben auf. In der Regel bewahren die Vereine darin immer noch eine gewisse Eigenständigkeit, vor allem die organisatorische.
Dirigierpersonen stehen in beiden Fällen vor der Aufgabe, unterschiedliche Ziele, Werte, Klangkulturen und Persönlichkeiten derart unter einen Hut zu bringen, dass das klingende Ergebnis homogen und überzeugend herüberkommt.
Foto: Werner FriedliDas Bilden einer musikalischen Einheit
Den Musikantinnen und Musikanten muss das eigene musikalische «ABC» vermittelt werden: Wie lang oder wie kurz sind «Non-legato-Noten»? Was verstehe ich in den unterschiedlichen Registern unter einem «Staccato»? Welche dynamische Spannbreite möchte ich verwirklichen können? Welches ist für die neue Besetzung die optimale Sitzordnung? Unzählige Themenfelder öffnen sich, und allen sollten wir gerecht werden.
Von der eigenen Art und Weise, ein Orchester und Menschen zu führen, sind nun plötzlich neue Mitspielende betroffen, die durch geschickte Kommunikation und seriöse Basisarbeit an Bord geholt werden müssen: Sorgfalt ist gefragt! Denn alle Selbstverständlichkeiten, welche für den einen Part der Spielgemeinschaft eingeschliffen waren, müssen nun dem zweiten Part neu vermittelt werden. Auch der musikalische Plan, wie man Schritt für Schritt zum nächsten Ziel kommt, muss transparent sein und allen verständlich gemacht werden.
Soziale Aspekte und musikalische Ideen
Spannungen, die sich auf sozialer Ebene ergeben, müssen erkannt und gelöst werden. Die Herausforderungen an die einzelnen Mitglieder dürfen nicht unterschätzt werden, denn jedes muss sich auf neue Sitznachbarinnen sowie neue Registerkollegen ausrichten und dazu aus der Komfortzone herauskommen.
Das Modell «Spielgemeinschaften» ist mancherorts gewiss erfolgsträchtig, aber ob es über eine Symptombekämpfung hinausführt, bleibe dahingestellt. Dirigentinnen und Dirigenten sind gefordert, nicht einfach die Bildung neuer Strukturen abzuwarten, sondern aktiv mitzuhelfen, solche von musikalischer Warte aus anzudenken und zu errichten: Es geht (auch) um attraktive Arbeitsplätze!
Im traditionellen Verein sind die Erwartungshaltungen der Musizierenden breit gefächert und ständig müssen unbefriedigende Kompromisse bezüglich Repertoires und Aufführungsqualität eingegangen werden. Anstatt sich im steten Kampf darum aufzureiben, könnte man sich überlegen, vermehrt musikalische Ideen für die Gestaltung der Zukunft zu installieren und nicht nur politische, traditionelle und organisatorische.
Stichworte (Auswahl) sind:
- Stilistische Spezialisierung der Formationen
- Generationenprojekte gemäss musikalischen Vorlieben
- Bildung regionaler Vereine samt Professionalisierung resp. Auslagerung der Organisation an regionale Geschäftsstellen
- Ausweitung der gesellschaftlichen Relevanz (z. B. Inklusion/Erreichen der Menschen mit Migrationshintergrund)
- Anpassung der äusseren Erscheinungsform
Die Blasmusikszene ist in Bewegung; es wird diskutiert, verordnet, geforscht, experimentiert und kreiert. Zu wenig hört man aber meines Erachtens die Stimmen der Dirigentinnen und Dirigenten: Wie sehen sie die Blasmusik der Zukunft? Schreiben Sie uns an kontakt@dirigentenverband.ch.